Strom gegen Landflucht in Südafrika

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Anstatt auf neue Industrieansiedlungen zu warten, wollen Raumplaner und internationale Initiativen schrumpfende Siedlungen in Südafrika in Agro- und Gewerbequartiere mit einer eigenen Stromversorgung umwandeln. Doch die Dezentralisierung der Stromerzeugung kämpft mit regulatorischen Hindernissen. Sie bedroht Einnahmequellen von Kommunen.

Die Kühltürme von Komati ragen stumm in den Himmel des südafrikanischen Highvelds. Wo über sechs Jahrzehnte hinweg Kohle verbrannt wurde, um das industrielle Herzland Südafrikas mit Grundlaststrom zu versorgen, herrscht seit der Stilllegung des Kraftwerks im Oktober 2022 weitgehende Stille. Für die Provinz Mpumalanga, in der mehr als 80 Prozent der nationalen Kohleförderung konzentriert sind und zwölf der fünfzehn Kohlekraftwerke des staatlichen Stromversorgers Eskom betrieben werden, war dies der Beginn eines Strukturwandels. Die Abschaltung veralteter Kraftwerksblöcke bedroht in Südafrika Dutzende von Werkssiedlungen und ländliche Kommunen. Wenn die Kessel erkalten, verschwinden nicht nur die Arbeitsplätze in den Kraftwerken. Auch Zulieferer, Transportunternehmen, Handel und Dienstleistung stehen vor dem Zusammenbruch und die Menschen verlassen die Region. Rund um Johannesburg und Pretoria drohen weite Landstriche Mpumalangas dauerhaft entvölkert zu werden.

Regionalplaner verfolgen nun in Zusammenarbeit mit internationalen Initiativen einen neuartigen Ansatz. Anstatt auf neue Industrieansiedlungen zu warten, werden schrumpfende Siedlungen in dezentral versorgte Agro- und Gewerbequartiere transformiert. Gestützt auf autarke Mikro-Netze soll elektrische Energie direkt vor Ort für produktive Wertschöpfungsketten nutzbar gemacht werden. Doch während Untersuchungen eine Stabilisierung der lokalen Bevölkerung zeigen, stößt das Modell jetzt an eine bürokratische Hindernisse: Die nationale Regulierungsbehörde NERSA verschleppt notwendige Betreiberlizenzen und Registrierungsverfahren für private Netzbetreiber seit Monaten, wodurch die Projekte gefährdet werden.

Strukturelles Dilemma des Kohlegürtels

Das südafrikanische Stromsystem basierte über ein Jahrhundert hinweg auf einer zentralisierten Stromerzeugung: Günstige Kohleflöze im Osten des Landes speisten großdimensionierte Kraftwerkskomplexe, von denen aus Hochspannungstrassen die industriellen Zentren und Minen versorgten. Dieses Gefüge sicherte den umliegenden Gemeinden zwar sichere Arbeitsplätze, verhinderte gleichzeitig jedoch die Herausbildung diversifizierter lokaler Wirtschaftsstrukturen.

Mit dem fortschreitenden Alter der Kraftwerksflotte und internationalen Verpflichtungen zur Dekarbonisierung hat sich dieses Gefüge verändert. Das Kraftwerk Komati war lediglich der Vorläufer; bis 2030 stehen weitere Anlagen wie Hendrina, Camden und Grootvlei zur Disposition. Der damit einhergehende Verlust von Arbeitsplätzen trifft eine Region, in der die Jugendarbeitslosigkeit ohnehin bei über 50 Prozent liegt, mit voller Wucht. Die Mesnchen wandern ab und belasten die Städte. Dort treffen die Zuwanderer auf ein Umfeld, dessen Infrastruktur für Wasser, Wohnen und Energieversorgung die anhaltende Binnenmigration kaum noch bewältigen kann. Vor diesem Hintergrund entstand die Einsicht, dass eine gerechte Energiewende – die sogenannte Just Energy Transition – zukünftig nicht allein im Bau von großtechnischen Wind- und Solarparks für das nationale Verbundnetz bestehen darf, sondern Perspektiven direkt in den betroffenen Siedlungen schaffen muss.

Dezentrale Energie- und Gewerbehubs 

An dieser Zukunft arbeitet die “RES4Africa Foundation” gemeinsam mit lokalen Partnern und Bildungsstätten. An die Stelle verfallender Industrieanlagen treten modulare Mikro-Quartiere, deren Herzstück autarke Photovoltaik-Inselnetze mit integrierten Batteriespeichern bilden.

Finanziert wird das Programm anteilig über den 8,5 Milliarden US-Dollar schweren multilateralen Fonds der Just Energy Transition Partnership (JETP), der Südafrika von internationalen Geberländern zur Bewältigung des Kohleausstiegs bereitgestellt wurde. Ergänzend fließen Mittel aus gezielten Förderlinien der Weltbank ein, die spezifisch für die Umnutzung von Kraftwerksstandorten reserviert sind. In den beiden Pilotdörfern Komati und Hendrina wurden im Rahmen dieser Initiativen Photovoltaik-Inselnetze mit einer Kapazität von 14 Megawatt installiert.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Elektrifizierungsprogrammen liegt im Fokus auf sogenannte produktive Lasten. Energie wird nicht primär für private Haushaltsbeleuchtung bereitgestellt, sondern treibt direkt gemeinschaftliche Gewerbeeinheiten an. Die Mikro-Netze speisen kommunale Getreidemühlen, die es lokalen Kleinbauern ermöglichen, Mais und Hirse ohne teure Transportwege in die nächsten Großstädte direkt vor Ort zu verarbeiten und zu vermarkten. Angeschlossen an das lokale Stromnetz sind zudem gekühlte Gemeinschaftslagerhäuser, wodurch der Verderb von Obst und Gemüse bei sommerlichen Höchsttemperaturen minimiert wird, sowie automatisierte Wasseraufbereitungsstationen, die gereinigtes Brauchwasser für landwirtschaftliche Gewächshäuser liefern.

Um das Vorhaben im lokalen Arbeitsmarkt zu verankern, kooperiert die Initiative eng mit den staatlichen Technical and Vocational Education and Training Colleges (TVET) der Region. Ehemalige Bergleute und arbeitslose Jugendliche werden an diesen Instituten in der Montage, Wartung und Betriebsführung moderner dezentraler Netzinfrastrukturen geschult. Die Wartungsverträge für die Solaranlagen und Speichersysteme verbleiben bewusst bei neu gegründeten lokalen Genossenschaften, wodurch die Wertschöpfung in der Gemeinde zirkuliert.

Erfolge gegen Abwanderung

Dass das Konzept aufgeht, zeigen jüngste Erhebungen der Provinzverwaltung von Mpumalanga. Demnach konnte die Abwanderungsrate bei den erwerbsfähigen Personen unter 35 Jahren in den pilotierten Modellgemeinden binnen 24 Monaten um 28 Prozent verringert werden.

Die Ursache für diese Trendwende liegt in der Wiederbelebung des kleingewerblichen Sektors. Durch die verlässliche Stromversorgung sind rund um die Energiehubs neue Sekundärbetriebe entstanden – von Schweißereien über Bäckereien bis hin zu kleinen Reparaturwerkstätten für landwirtschaftliche Maschinen. Zudem hat die Verfügbarkeit von Kühlketten dazu geführt, dass sich umliegende Kleinbauern zu Kooperativen zusammengeschlossen haben, um den regionalen Einzelhandel zu beliefern. Statt als ungelernte Hilfskräfte in die Townships von Johannesburg abzuwandern, finden junge Erwachsene vermehrt Beschäftigung in der weiterverarbeitenden Agrarwirtschaft oder im technischen Betrieb der Quartiersnetze.

Regulatorische Blockade

Trotz dieses Erfolgs steht das gesamte Revitalisierungskonzept vor dem Scheitern. Grund dafür ist die die “National Energy Regulator of South Africa” (NERSA). Zwar hat die südafrikanische Regierung in den vergangenen Jahren die Schwellenwerte für die Eigenstromerzeugung gelockert, um private Investitionen im Energiesektor zu erleichtern, doch gilt diese Liberalisierung primär für industrielle Großanlagen. Bei netzunabhängigen Mikro-Netzen und lokalen Distributionsstrukturen, an denen mehrere Endkunden beteiligt sind, verharrt die Behörde in einer bürokratischen Kontrolllogik vergangener Dekaden.

Private Betreiber und kommunale Kooperativen, die solche Inselnetze betreiben und Strom an lokale Abnehmer verkaufen wollen, benötigen formelle Betreiberlizenzen oder eine aufwendige Registrierungsbestätigungen der NERSA. In der Praxis werden die entsprechenden Anträge jedoch über Monate, teilweise über mehr als ein Jahr hinweg, verschleppt. Projektentwickler berichten von intransparenten Prüfverfahren, immer neuen Nachforderungen bezüglich technischer Schutzprotokolle und einer personellen Unterbesetzung der Regulierungsstellen.

Hinter den Verzögerungen verbirgt ein Verteilungskonflikt. Die südafrikanischen Kommunen erzielen traditionell einen erheblichen Teil ihrer Steuereinnahmen über den Weiterverkauf von Strom, den sie im Großhandel von Eskom beziehen und mit Aufschlägen an Gewerbe und Endverbraucher weiterleiten. Dezentrale Inselnetze, die sich gänzlich außerhalb dieses kommunalen Tarifsystems bewegen, werden von vielen Lokalpolitikern und Verwaltungsbeamten mit Argwohn betrachtet – sie fürchten um Einnahmequellen, selbst in Siedlungen, in denen das kommunale Leitungsnetz seit Jahren marode ist. NERSA agiert in diesem Spannungsfeld defensiv und verzögert Lizenzentscheidungen, um rechtliche Präzedenzfälle zu vermeiden, die den traditionellen kommunalen Versorgungsmonopolen die Geschäftsgrundlage entziehen könnten.

Für die Modellprojekte in Mpumalanga ist diese Hängepartie fatal. Internationale Fördermittelgeber und private Konsortien haben signalisiert, dass weitere Investitionstranchen aus dem JETP-Portfolio nur freigegeben werden können, wenn die regulatorische Betriebssicherheit der Inselnetze rechtssicher verbürgt ist. Bleiben die Lizenzen aus, droht den Betreibergesellschaften die Stilllegung wegen illegalen Stromhandels. Infolgedessen sind Erweiterungspläne für zusätzliche Dörfer rund um Hendrina vorerst auf Eis gelegt worden; geplante Anschaffungen weiterer Kühlanlagen und Mühlen müssen pausieren.