Leere Kassen: Über die Krise und Renaissance der Oper im Westen

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KÖLN/NEW YORK. Es ist ein Denkmal, ein Monolith aus Beton und Glas. Der Offenbachplatz in Köln, einst das kulturelle Zentrum der rheinischen Metropole, gleicht seit über einem Jahrzehnt einer Wunde im Stadtbild. Die Sanierung der Kölner Oper und des Schauspielhauses ist längst mehr als ein lokales Bauprojekt. Sie ist Sinnbild für das Scheitern öffentlicher Planung, der Kostenexplosion im Kulturbetrieb und Ausgangspunkt für eine globale Debatte.

Während in Köln die Baukosten die Milliardenmarke durchbrechen, kämpfen Opernhäuser in den USA ums nackte Überleben. In Syracuse, New York, fiel der letzte Vorhang für immer. In Honolulu und Albuquerque ringen Intendanten mit einem Finanzierungssystem, das keine Fehler verzeiht. Ein Blick auf die Weltkarte der Oper zeigt eine Landschaft im Umbruch, geprägt von zwei Extremen: dem staatlich alimentierten Stillstand und dem privatwirtschaftlichen Risiko.

Das Kölner Desaster

Die Geschichte der Kölner Opernsanierung beginnt mit einem Versprechen. Im Jahr 2012 veranschlagte der Rat der Stadt Köln die Kosten für die Sanierung des denkmalgeschützten Riphahn-Baus auf 253 Millionen Euro. Die Wiedereröffnung war für den November 2015 geplant. Heute, im Jahr 2026, schreiben wir das elfte Jahr nach dem geplatzten Termin. Die Kostenprognosen liegen inzwischen bei über einer Milliarde Euro, wenn man die Finanzierungskosten einrechnet.

„Wir bauen hier einen Prototypen“, sagte Bernd Streitberger, der technische Betriebsleiter der Bühnen Köln, im Jahr 2023 gegenüber dem WDR, um die Komplexität zu erklären. Doch die Analyse der Fehlerkette offenbart weniger technische Mysterien als vielmehr organisatorisches Versagen. Zu Beginn des Projekts verzichtete die Stadt auf einen Generalunternehmer. Man wollte sparen und vergab die Gewerke einzeln. Das Resultat war Chaos. Hunderte Firmen arbeiteten auf der Baustelle, oft ohne ausreichende Koordination. Der Tiefpunkt war im Sommer 2015 erreicht. Wenige Monate vor der geplanten Eröffnung stellten die Prüfer fest: Die Brandschutzanlage funktioniert nicht. Die Technik war so komplex verbaut, dass Wände aufgerissen und Kabelbäume entwirrt werden mussten. Es war der Moment, in dem aus einer Sanierung eine archäologische Ausgrabung der eigenen Planungsfehler wurde.

Die Folgen für die Institution

Für die Institution Oper hat dieses Desaster paradoxe Folgen. Das Ensemble zog in das „Staatenhaus“ im Rheinpark, eine ehemalige Messehalle. Was als Notlösung begann, entwickelte sich zu einem künstlerischen Glücksfall. Die Regisseure nutzten die raue Industrieästhetik für innovative Inszenierungen. Das Publikum folgte. Die Auslastungszahlen im Interim waren zeitweise exzellent. Doch der finanzielle Druck wächst. Jeder Euro, der in den Beton am Offenbachplatz fließt, fehlt im künstlerischen Etat. Die Stadt Köln muss nun Zinsen für Kredite bedienen, die eigentlich längst getilgt sein sollten. Kritiker befürchten, dass am Ende ein glänzendes Haus steht, für dessen Bespielung das Geld fehlt. Der „Beton-Gold“-Effekt droht die Kunst zu ersticken.

Wenn der Markt die Kunst richtet

Wechselt man die Perspektive und blickt über den Atlantik, erscheint das Kölner Problem als Luxusproblem. In den USA gibt es keinen Staat, der Defizite automatisch ausgleicht. Opernhäuser sind Non-Profit-Organisationen, abhängig von Ticketverkäufen und Spenden. Wenn diese ausbleiben, folgt der Konkurs.

Ein warnendes Beispiel liefert die Syracuse Opera im Bundesstaat New York. Im November 2023 stellte das Haus, das seit 1974 bestand, den Betrieb ein. Die Gründe waren vielfältig, aber symptomatisch für die Branche. Die Zuschauerzahlen hatten sich nach der Covid-19-Pandemie nicht erholt. Die Produktionskosten stiegen durch die Inflation massiv an. Gleichzeitig brachen die Spenden weg. Das Modell in Syracuse basierte auf einer fragilen Mischung aus lokalen Philanthropen und Ticketverkäufen. Als die Inflation die Kaufkraft der Mittelschicht schwächte, sparten die Menschen zuerst an der Kultur. „Die finanziellen Herausforderungen waren unüberwindbar“, hieß es in einer knappen Mitteilung des Boards. Es gab keinen Rettungsschirm, keine Stadtverwaltung, die einsprang. Die Liquidität war erschöpft. Ende der Vorstellung.

Honolulu und Albuquerque

Auch in anderen Teilen der USA zeigt sich die Brüchigkeit des Systems. Das Hawaii Opera Theatre in Honolulu kämpft mit einer doppelten Belastung: der geografischen Isolation und den extremen Logistikkosten. Jedes Bühnenbild, jeder Gastsolist muss über den Pazifik geflogen werden.

In Albuquerque, New Mexico, steht die Opernszene vor ähnlichen Herausforderungen. Zwar hat die „Opera Southwest“ durch Nischen-Repertoire (wie die Wiederentdeckung barocker Werke oder die Uraufführung von „Bless Me, Ultima“) nationale Aufmerksamkeit erregt, doch die finanzielle Decke ist hauchdünn. Die Abhängigkeit von wenigen Großspendern ist immens. Stirbt ein Mäzen oder zieht er weg, gerät die gesamte Saisonplanung ins Wanken.

Das Problem in diesen Städten ist strukturell: Die „Donor Class“, also die Schicht der wohlhabenden Spender, schrumpft oder verlagert ihre Interessen. Jüngere Tech-Milliardäre spenden lieber für Klimaschutz oder medizinische Forschung als für Inszenierungen von Verdi oder Puccini. Die Oper gilt vielen als Kunstform des 19. Jahrhunderts, deren Relevanz für das 21. Jahrhundert erst bewiesen werden muss.

Systemvergleich

Der globale Vergleich der Finanzierungsmodelle offenbart ein Dilemma. Es gibt kein perfektes System, nur unterschiedliche Formen der Abhängigkeit.

Das deutsche Modell: Die Subvention

In Deutschland gilt Kultur als öffentliche Aufgabe. Rund 80 bis 90 Prozent der Etats der großen Opernhäuser stammen aus Steuermitteln.

Vorteil: Planungssicherheit. Intendanten können Spielpläne auf Jahre hinaus gestalten, ohne auf den sofortigen Kassenerfolg schielen zu müssen. Dies ermöglicht Experimente und den Erhalt eines festen Ensembles.

Nachteil: Trägheit und politische Abhängigkeit. Die Sicherheit kann zu künstlerischem Stillstand führen. Zudem sind die Häuser anfällig für Sparhaushalte der Kommunen. Das Kölner Debakel zeigt zudem, dass die öffentliche Hand als Bauherr oft überfordert ist.

Das US-Modell: Die Philanthropie

In den USA finanzieren sich Opernhäuser zu etwa 40 bis 60 Prozent aus Spenden (Donations), der Rest kommt aus Ticketverkäufen und Erträgen aus dem Stiftungskapital (Endowment). Staatliche Zuschüsse (etwa vom National Endowment for the Arts) sind marginal.

Vorteil: Dynamik und Kundenorientierung. Die Häuser müssen um ihr Publikum kämpfen. Das Marketing ist oft exzellent, die Bindung an die Community stark.

Nachteil: Existenzielle Unsicherheit. Wirtschaftskrisen schlagen direkt auf das Budget durch. Das Repertoire wird oft konservativ gestaltet („La Bohème“ verkauft sich immer), um Spender nicht zu verschrecken.

Das Mischmodell: Großbritannien und Frankreich

Länder wie Großbritannien (via Arts Council) oder Frankreich nutzen Mischformen. Es gibt staatliche Basisfinanzierung, aber der Druck, private Mittel einzuwerben, ist deutlich höher als in Deutschland.

Status: Dieses Modell gerät derzeit stark unter Druck. Der Arts Council England hat kürzlich drastische Kürzungen für die English National Opera (ENO) beschlossen und sie gezwungen, London teilweise zu verlassen. Es zeigt sich: Wenn der Staat sich zurückzieht, kann die Lücke durch Private oft nicht schnell genug gefüllt werden.

Die Baumolsche Kostenkrankheit

 

Um die weltweite Krise der Oper zu verstehen, muss man einen ökonomischen Effekt betrachten, den die Wirtschaftswissenschaftler William Baumol und William Bowen bereits in den 1960er Jahren beschrieben: die „Baumolsche Kostenkrankheit“ (Cost Disease). Die Theorie besagt: In der Industrie steigt die Produktivität durch Technik. Ein Arbeiter baut heute zehn Autos in der Zeit, in der er früher eines baute. In der darstellenden Kunst gibt es diesen Produktivitätsfortschritt nicht. Um Mozarts „Zauberflöte“ aufzuführen, benötigt man heute genauso viele Musiker und Sänger und genauso viel Zeit wie im Jahr 1791. Man kann das Orchester nicht beschleunigen oder Musiker einsparen, ohne das Werk zu zerstören.

Da aber die Löhne in der Gesamtwirtschaft steigen, müssen auch die Löhne der Musiker steigen, damit diese ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die Kosten der Oper steigen also zwangsläufig schneller als die allgemeine Inflationsrate, während die Produktivität stagniert. Dies führt zu einer immer größer werdenden Finanzierungslücke, die entweder durch höhere Subventionen oder höhere Ticketpreise geschlossen werden muss. In Köln explodieren die Baukosten, weltweit explodieren die Betriebskosten.

Lösungen und Innovationen

Weltweit entwickeln Opernkompanien neue Modelle, um die Finanzierung zu sichern und die Kunstform zu retten. Diese Lösungen setzen oft dort an, wo das starre Repertoire-System versagt.

Das Festival-Modell: Opera Philadelphia (USA)

Die Opera Philadelphia stand vor dem Bankrott. Das klassische Abonnement-System funktionierte nicht mehr. Die Lösung: Radikaler Umbau. Die Intendanz führte das „Festival O“ ein. Anstatt die Saison über das ganze Jahr zu strecken, konzentriert man die Premieren auf einen intensiven Zeitraum im Herbst.

Funktionsweise: Dies schafft ein „Event“, das überregionale Besucher und Kritiker anzieht. Es bündelt Marketingressourcen und senkt die laufenden Betriebskosten in den monatelangen Pausen dazwischen.

Finanzierung: Durch die Eventisierung gelang es, neue Spendergruppen zu erschließen, die nicht an einem Jahres-Abo, sondern an einem exklusiven Festival-Erlebnis interessiert sind.

Das private Exzellenz-Modell: Glyndebourne (Großbritannien)

Glyndebourne ist eine Anomalie. Das Opernfestival in East Sussex erhält keinerlei staatliche Subventionen.

Funktionsweise: Es finanziert sich fast ausschließlich durch Ticketverkäufe (zu sehr hohen Preisen), Mitgliedschaften und Sponsoring. Der Schlüssel ist Exklusivität gepaart mit höchster künstlerischer Qualität. Die Saison findet im Sommer statt, was die Heizkosten minimiert und das Erlebnis „Picknick im Park“ ermöglicht.

Finanzierung: Eine starke Endowment-Stiftung sichert das Festival ab. Zudem setzt Glyndebourne auf junge Talente im Chor und in kleineren Rollen, was die Personalkosten im Vergleich zu Häusern mit festen Star-Ensembles drückt, ohne die Qualität zu mindern.

Das agile Modell: Detroit Opera (USA)

Unter der künstlerischen Leitung von Yuval Sharon hat die Detroit Opera (ehemals Michigan Opera Theatre) internationale Schlagzeilen gemacht.

Innovation: Während der Pandemie inszenierte Sharon die „Götterdämmerung“ in einem Parkhaus. Das Publikum saß in Autos, der Ton kam über das Radio.

Finanzierung: Diese Projekte sind oft günstiger als traditionelle Bühnenbilder und ziehen Sponsoren an, die sich mit „Innovation“ und „Community Outreach“ schmücken wollen. Detroit nutzt leerstehende Immobilien der Stadt (Adaptive Reuse), was die Mietkosten senkt und die Oper buchstäblich in die Stadt hineinträgt.

Die digitale Expansion: Metropolitan Opera (USA) und Wiener Staatsoper

Die Met in New York war Pionier der „Live in HD“-Übertragungen in Kinos weltweit.

Funktionsweise: Die Aufführungen werden global vermarktet. Dies generiert eine zusätzliche Einnahmequelle, die unabhängig von der Platzkapazität im Saal ist.

Problem: Die Technik ist teuer, und der Markt ist mittlerweile gesättigt. Dennoch bleibt es ein wichtiges Standbein, um die Marke global zu stärken und so internationale Spender zu akquirieren.

Co-Produktionen und Sharing Economy

Ein stiller, aber effektiver Trend ist die Zunahme von Co-Produktionen. Opernhäuser wie La Monnaie (Brüssel), das Festival d’Aix-en-Provence und die Dutch National Opera teilen sich die Kosten für Bühnenbild und Regie. Eine Produktion wird in Brüssel gebaut, dort gespielt und wandert dann nach Amsterdam.

Vorteil: Die Fixkosten pro Haus sinken drastisch. Das Bühnenbild muss nur einmal bezahlt werden.

Nachteil: Die Individualität der Spielpläne nimmt ab, es entsteht ein „Einheitsbrei“ auf den europäischen Bühnen.

Die Oper am Scheideweg

Der Blick von der Kölner Baustelle in die Welt zeigt: Die Oper steht an einem historischen Wendepunkt. Das Kölner Desaster ist ein extremes Beispiel für die Unfähigkeit, große Infrastrukturprojekte im alten Stil zu managen. Es bindet Kapital, das für die künstlerische Erneuerung dringend nötig wäre. Die Pleiten in den USA lehren uns, dass Kultur ohne Sicherheitsnetz in Zeiten der Inflation stirbt. Doch die Beispiele aus Philadelphia, Detroit und Glyndebourne zeigen auch, dass die Oper überlebensfähig ist, wenn sie ihre Strukturen überdenkt.

Die Zukunft der Finanzierung wird hybrid sein müssen. Das deutsche Modell muss lernen, unternehmerischer zu denken und Drittmittel professioneller einzuwerben, ohne den staatlichen Auftrag zu verraten. Das amerikanische Modell muss Wege finden, sich durch Stiftungsstöcke (Endowments) unabhängiger von kurzfristigen Marktschwankungen zu machen.